Der Vortrag fand im Rahmen der Bildungsmesse didacta am 13. März unter dem Titel „Neue Perspektive für Menschen ohne Berufsabschluss: Teilqualifizierung als Türöffner“ statt. Trotz früher Stunde lockte das Thema zahlreiche Interessierte an. Die Zuhörer*innen folgten den Ausführungen interessiert und zeigten bei der anschließenden Fragerunde großes Interesse an der Teilqualifikation (kurz TQ) als flexibles Weiterbildungsangebot.
Warum Teilqualifikation? Ein Blick auf die Ausgangslage

In Deutschland leben Millionen Menschen ohne formal anerkannten Berufsabschluss – gleichzeitig klagen viele Branchen über zunehmende Schwierigkeiten bei der Besetzung von Fachkräftestellen. Diese Diskrepanz macht neue Wege der Qualifizierung dringend notwendig.
Ulrike Weber stellte dafür die Teilqualifikation als praxisorientierte Lösung vor. Sie ermöglicht Erwachsenen ab 25 Jahren, sich schrittweise auf einen Berufsabschluss vorzubereiten und gleichzeitig wertvolle berufliche Erfahrung zu sammeln. Jede Teilqualifizierung umfasst klar abgegrenzte berufliche Kompetenzen und kann in kurzer Zeit, zwischen 2 und 6 Monaten, absolviert werden. Werden alle Teilqualifizierungen, erfolgreich abgeschlossen, kann später sogar ein anerkannter Berufsabschluss (über eine Externenprüfung} erlangt werden.
Ulrike Weber betonte, dass TQs niederschwelliger und dadurch für viele Menschen realistischer umzusetzen seien als zum Beispiel Umschulungen. Das ist zum Beispiel relevant für Personen, die aufgrund von familiären Verpflichtungen, Prüfungsängsten oder sprachlichen Herausforderungen längere Bildungsmaßnahmen nur schwer bewältigen können.
Das TQ-Angebot der faw: praxisnah, flexibel, bundesweit
Die faw bietet seit vielen Jahren ein breites Spektrum an Teilqualifikationen an, unter anderem in den Bereichen:
- Kaufmännisch (Büro, Verkauf, Lager/Logistik)
- Gewerblich-technisch (Metall, Elektro, Bau, Anlagenmechanik)
- Hotel und Gastronomie
- IT und Digitalisierung
- Transport und Verkehr (Berufskraftfahrer*innen)
- Schutz und Sicherheit
Ein zentrales Qualitätsmerkmal ist die enge Verzahnung von Theorie und Praxis. Die Teilnehmenden sammeln nicht nur theoretisches Wissen, sondern lernen Arbeitsprozesse unmittelbar im Unternehmen kennen. Lernbegleitung und regelmäßige Lernerfolgskontrollen tragen dazu bei, individuelle Lernwege zu unterstützen und Sicherheiten im Umgang mit Prüfungssituationen aufzubauen.
Für wen eignet sich Teilqualifikationen?
Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Vielfalt der Zielgruppen. Ulrike Weber hob hervor, dass TQs geeignet sind für:
- Menschen über 25 Jahre ohne Berufsabschluss
- Berufsrückkehrer*innen
- Hilfskräfte
- Erwerbslose
- Menschen mit Migrationshintergrund
Der modulare Aufbau ermöglicht individuelle Lösungen: Manche Teilnehmende starten mit einer einzelnen Teilqualifizierung, andere planen direkt den Durchlauf mehrerer Einheiten.
Praxisbeispiel: Wenn eine Umschulung nicht der richtige Weg ist

Für besondere Anschaulichkeit sorgte Ulrike Webers Beispiel aus der Beratungspraxis: Eine Interessierte wollte ursprünglich eine Umschulung absolvieren, um einen anerkannten Berufsabschluss zu erwerben. In der Beratung stellte sich jedoch heraus, dass dies unter ihren persönlichen Rahmenbedingungen kaum realisierbar war.
Grund dafür waren ausgeprägte Prüfungsängste sowie betreuungspflichtige Kinder. Durch den Hinweis auf eine Teilqualifizierung erhielt die Interessentin eine tragfähige Alternative. Die Einheiten dauern jeweils nur wenige Monate und der Bildungsweg bleibt flexibel und kann an familiäre Anforderungen angepasst werden. Die verpflichtenden Kompetenzfeststellungen dienten zugleich als Training für zukünftige Prüfungssituationen, wodurch der Teilnehmerin die Angst genommen wurde.
Dieses Beispiel verdeutlicht eindrucksvoll, wie Teilqualifizierungen Menschen dabei unterstützen, trotz schwieriger Lebenslagen Schritt für Schritt und in realistischen Etappen berufliche Qualifikationen aufzubauen.
Reger Austausch und großes Publikumsinteresse
Die Reaktionen der Besucher*innen zeigten klar, dass das Thema einen Nerv trifft. Während der Diskussionsrunde wurden zahlreiche Fragen gestellt, unter anderem zur:
- finanziellen Förderung
- praktischen Organisation der betrieblichen Phasen
- Möglichkeit, Teilqualifizierungen variabel auszuwählen
- Rolle der Kompetenzfeststellungen
- Passgenauigkeit einzelner Teilqualifizierungen für bestimmte Tätigkeiten
Ulrike Weber erläuterte, dass Unternehmen offen für diesen Weg der Qualifizierung seien – weil Teilqualifikationen dazu beitragen, Fachkräfte gezielt aufzubauen und langfristig zu binden.
Fazit: Teilqualifikation stärkt Menschen und Arbeitsmarkt
Der Vortrag machte deutlich: Teilqualifizierungen sind ein wirkungsvolles Instrument, um Menschen ohne Berufsabschluss neue Chancen zu eröffnen und gleichzeitig den Fachkräftebedarf der Wirtschaft zu unterstützen. Sie sind flexibel, realitätsnah und passen sich den Lebensumständen der Teilnehmenden an.
Ulrike Weber gelang es, das Thema praxisnah und motivierend zu vermitteln. Die positive Resonanz der Zuhörer*innen zeigt, wie groß der Informations- und Beratungsbedarf rund um TQs ist – und wie zentral das Engagement von Trägern wie der faw in diesem Bereich bleibt.